GEO Saison  4/2005

GEO Saison 4/2005

TEXT VON Uwe Rasche

Dresden in Feierlaune
Im Oktober Weihe der Frauenkirche, im nächsten Jahr der 800. Stadtgeburtstag. Grund genug, einen Streifzug zu glanzvoller Kunst und bunten Szenevierteln zu unternehmen

Ganz schön frech, das Fräulein. Da stehen wir nun auf dem Theaterplatz, unter dem Reiterdenkmal König Johanns, umzingelt von Semperoper, Zwinger, Residenzschloss und Kathedrale. Geben uns also die volle Dröhnung Barock und Renaissance, um im Jargon der Frau zu sprechen, die sich Fräulein Kerstin nennt und schon optisch wie das perfekte Gegenmittel zu einer Überdosis geschichtsträchtiger Gemäuer daherkommt. Pechschwarze Zöpfe, bordeauxrote Marlene-Hose, kariertes Kleid. Eigentlich heißt sie Kerstin Klauer, hat früher in Szeneclubs Platten aufgelegt und macht seit einigen Jahren Stadtführungen, laut Eigenwerbung: "Stadt(ent)führungen".

Ein König, ein halbes Dutzend Museen
Man muss sich schließlich unterscheiden von der Konkurrenz, den 300 anderen privaten City-Guides. Und dann legt Fräulein Kerstin los, plaudert über den Mann, dem Dresden wie keinem anderen seine historische Pracht zu verdanken hat und dessen Statue auf dem Neustädter Markt erst kürzlich mit frischem Blattgold überzogen wurde: über August den Starken, Sächsischer Kurfürst von 1694 bis 1733, bauwütig und so besessen vom Schönen und Kostbaren, dass seine Sammlungen ein halbes Dutzend Museen füllen - von der Galerie Alte Meister über die Rüstkammer bis zum Kupferstich-Kabinett.


Bild Vergrößern

August, das "ziemlich fiese Schwein"
Sicher habe er eine Vision gehabt und die Stadt während seiner Regentschaft zu einem Zentrum der Kunst und Kultur in Europa gemacht, erzählt Fräulein Kerstin. Aber er habe sein Volk auch ganz schön ausgepresst, "um sich all die schicken Buden leisten zu können". Und privat sei er, offen gesagt, "ein ziemlich fieses Schwein" gewesen. Erst die stolze Gräfin Cosel total verliebt machen und sie dann 49 Jahre ins Gefängnis sperren - "nicht gerade die feine Englische". Überhaupt, sein Frauenverschleiß: Mit Feuerwerk und Tanz habe er die Damen in seiner "Party-Location", dem Innenhof des Zwingers, gefügig machen wollen. Und wenn das nicht reichte, gings nach nebenan ins romantische Nymphenbad. Spätestens dort, im "Chill-out-Bereich", gelangte er ans Ziel. Nicht weniger als 365 Kinder solle der Kurfürst und König von Polen so in die gesetzt haben. "Auch wenn manche meiner Kollegen behaupten, es wären nur neun gewesen. Aber das wär ja fast ein bisschen langweilig, oder?"

Der Betonklotz gehört dazu
Eine Portion Respektlosigkeit, mit augenzwinkerndem Charme garniert, kann eine so stolze und selbstbewusste Stadt wie Dresden vertragen. Zumal Kerstin Klauer die Erste ist, wenn es gilt, ihre Geburtsstadt gegen despektierliche Bemerkungen von Nicht-Dresdnern zu verteidigen. Warum der Kulturpalast nicht längst abgerissen worden sei, möchte ein Rentner aus Hamm-Uentrop wissen; so ein sozialistischer Betonklotz verschandele doch das ganze historische Ensemble. Fräulein Kerstin fragt zurück, ob in Hamm auch alle Bauten aus den sechziger und siebziger Jahren abgerissen würden?

"Das ist doch kein Disneyland"
Wie schön man mit dem Westgeld alles restauriert habe, sagen Touristen aus den alten Bundesländern gönnerhaft. Und Kerstin Klauer erlaubt sich die Bemerkung, dass die Dresdner schon in den Nachkriegsjahren Lose für den Wiederaufbau des Zwingers gekauft hätten. Wieso man über die schwarzen Stellen auf den Sandsteinfassaden nicht mal mit dem Dampfstrahler gehe? "Weil die Patina den Stein schützt", sagt Frau Klauer, und fügt mit einem Lächeln hinzu: "Das ist doch kein Disneyland hier. Von eurer Oma könnt ihr schließlich auch nicht erwarten, dass sie mit achtzig keine Falten hat."


Vergrößern + weitere Bilder
Links die Hofkirche, im Hintergrund die Semperoper
© Peter Rigaud

 

Impressum